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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik 2.2.6 Begriffe der Rezension und Zensur für Werke in der Antike und NeuzeitNeben der Literatur, die Kritik als Bestandteil des Staatskonzeption thematisiert, sind Zensur von Werken und die Verbannung ihrer Autoren aus der res publica in der Antike zu finden. Platons Verwendung des Begriffs Kritik (κριτικη) in dem Dialog Theatet ist bei der Dihairese von Erkenntnis zu finden. In ihr wird ein anweisender Teil (επιτακτικóν) und ein beurteilender Teil (κρινομενóν) ihrer Bedeutungen aufgezeigt, in denen sich wie ein Zuschauer (θεατησ) verhält. Derjenige, der etwas von Kunst versteht, bedarf nicht der Nachahmung (μιμημα), sondern des Wahren und Richtigen (αληθεστατον). (564) In seinem Werk Ethik setzt Aristoteles den Begriff συνεσις mit Kritik (κριτικη) gleich. (565) Aristoteles vermerkt zur Ausübung von Politik, daß derjenige, dem die Teilnahme an der beratenden und richtenden Staatsgewalt in Athen offensteht, Bürger genannt wird und verwendet in dieser Schrift über die Politik der Athener die Begriffe κρινειν und κρισις. (566) Mortimer Chambers übersetzt das Unterscheiden (κρíνειν) im Index der Sachen (index rerum) zu Aristoteles Werk Politeia mit den Begriffen ŽauswählenŽ (eligere) und ŽbeurteilenŽ (iudicere). (567) Cicero schreibt im dritten Buch seines Werkes Der Staat über das Betrachten (spectare) der Gerechtigkeit (iustitia): "Iustitia foras spectat et proiecta tota est atque eminet." Cicero verweist darauf, daß das Recht (ius) bürgerlich (civilis) und nicht natürlich (naturale) ist. (568) In Kaisertum und Fürstentum der Antike wurden Autoren verbannt. Publius Ovidius Nasos Briefe vom Roten Meer sind Dokumente der Furcht vor der Zensur des aus dem Staate Verbannten, der im ersten Brief des zweiten Buches an den Brutus die eigenen Bücher (libelli) bei der Beschreibung seines Umkommens (perire) durch seinen Geist (ingenium meum) anredet: Quid mihi vobiscum est, infelix cura, libelli, Lucius Annaeus Seneca d. J., der unter Kaiser Claudius verbannt und durch Agrippina d. J. nach Rom zurückgerufen wird, zitiert in einem seiner Sittenbriefe (epistulae morales) einen Auszug zu seinen Briefen aus dem 22. Buch des Gellius, der es nicht für notwendig hält, über die Begabung (ingenium) oder Schreiben (scriptum) des Dichters ein Urteil (iudicium) und Zensur (censura) abzulegen. Das Beurteilen (iudicare) des Seneca durch die anderen Autoren ist für ihn vielmehr eine Sache (res), die zum besonnenen Nachdenken (considerare) dient: "Mihi de omne eius ingenio deque omni scripto iudicium censuramque facere non necessum est; sed quod de M. Cicerone et Q. Ennio et P. Vergilio iudicavit, ea res cuiusmodi sit, ad considerandum ponemus." (570) Seneca schreibt im Brief an Lucilius über das Gestalten (conformare) von Vorschriften (praecepta) zu den Instrumenten (instrumenta) der Künste, die durch Hoffnung (spes), Begierde (cupiditas) und Furcht (timor) hervorgebracht werden: "Omnes istae artes circa instrumenta vitae occupatae sunt, non circa totam vitam; itaque multa illas inhabent extrinsecus et inpediunt, spes, cupiditas, timor." (571) Rezension hat in der Antike die Bedeutung Musterung. Sueton verwendet den Begriff recensus für die Volkszählung (recensus populi). (572) Für die Anwendung des Wortes recensus mit der Bedeutung Musterung sind Beispiele die Beschreibung des Abhaltens einer Rezension bei Livius in der Sentenz "<censo> res censum, idibus Decembismus severibus quam ante habuerunt". (573) Der Begriff Rezension dient in der Neuzeit für eine Schrift, die als Artikel über andere Werke erscheint. Die Rezension (Recension) ist auch eine Methode der Kritik in den Zeitschriften des 18. Jahrhunderts. Das lateinische Wort recensere hat im Jahre 1741 in der deutschen Übersetzung die Bedeutungen herrechnen, herlallen und mustern. (574) Herder definiert in der Abhandlung Kalligone den Begriff Rezension auch als Überzählung oder Erzählung: "Was heißt Rezension? Der Name selbst enthält des Amts Pflichten. Eine genaue Überzählung oder Erzählung dessen, was die Schrift enthält, notwendig jede Schrift in ihrer Weise - heißt Rezension." (575) Allegorien von Tieren, die in einer Rezension und anderen Werken zu dieser Form zu finden sind, werden für Beschreibung von Literatur genutzt. Derartige Allegorien befinden sich in der im Jahre 1775 gedruckten Farce Menschen, Thiere und Goethe von Johann Jakob Hottinger mit den dramatis personae Prometheus, Hannswurst, Pygmalion und der stummen Person Deucalion, die neben den Tieren Gans, Rabe, Hund, Esel und Frosch auftreten. Das Drama Prometheus Deukalion und seine Rezensenten von Heinrich Leopold Wagner ist im Jahre 1775 mit den dramatis personae Prometheus, Deukalion, Reuter, Merkur, Iris, Hannswurst und den Tieren Papagei, Gans, Esel, Nachteule, Frösche, Löwe und Ourang-Outang verfaßt worden. Der Begriff Kritik (Critik) wird in der Schrift Censur ueber Bücher in Ludewig Anton Muratoris Werk Kritische Abhandlung von dem guten Geschmacke in den schönen Künsten und Wissenschaften im Jahre 1772 in einer Sentenz erläutert: "Wer ueber anderer Buecher eine Kritik verfassen will, muß behutsam darein gehen." In einem anderen Abschnitt behandelt er die Frage "Wann, wie und wo eine Censur ueber andere Buecher abzufassen" ist. (576) Dem gegenüber untergliedert Georg Luck Ovids Schreiben in Elegien und poeti-sche Briefe. Vgl. P.
Ovidius Naso. Tristia. Herausgegeben, übersetzt und erklärt von Georg Luck. Band II. Kom-mentar.
Heidelberg 1977. S. 9.
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