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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik 2.2.2 Kritik in der Briefkultur von Gelehrten in der AufklärungErasmus von Rotterdam schreibt eine Lehre über das Abfassen von Briefen. In der Anleitung seines Briefstellers De conscribendis epistolis gliedert Erasmus nach antikem Vorbild in Gattungen (genera), deren Briefe sich nach ihrer Form (character), Schwere (gravitas) und Deutlichkeit (perspicuitas) unterscheiden. Die Gattungen von Briefen, über die sich Zensur ausüben läßt (censuram agere), sind der Aufforderungsbrief (exhortatoria epistola), der Trostbrief (consolatoria epistola), der Bittbrief (petitoria epistola), das Empfehlungsschreiben (commendatitia epistola), der Mahnbrief (monitoria epistola), der Liebesbrief (amatoria epistola), der Forderungsbrief (expostuaria epistola),die briefliche Abbitte (decrecatoria epistola), der briefliche Auftrag (mandatoria epistola), der Klagebrief (lamentatoria epistola), das Glückwunschschreiben (gratulatoria epistola) und der Scherzbrief (iocosa epistola). (472) Erasmus verwendet Tiere als allegorische Figuren für die Bewertung von Briefen. Die rhetorische Frage, ob denn die Nachtigall ihre Lieder mit den Kuckuck tauschen wird, weil nach dem Urteil (iudicium) eines Esels der Ruf des Kuckucks deutlicher und verständlicher ist, veranschaulicht das falsche Urteil: "An luscinia commutabit cum cuculo modulos suos, propterea quod asello iudici planius et intelligibilius canit cuculus?" (473) In seinen Bemerkungen über den Mahnbrief (monitoria epistola) werden von Erasmus die Aufgaben (officia) beschrieben, einen Fehler anzuzeigen (vitium indicare) und das, was zur seiner Behebung zu tun ist, dem Empfänger wie einem, der davon Kenntnis hat, gleichsam durch den Tadel (reprehensio) und das Lob (laus) zu vermitteln: "Monitoriae epistolae duplex est officium. Et vitium, si quod mutari volemus, docte indicare, et quae sint agenda, ea nescienti tanquam scienti ostendere. Et quoniam vix quisquam aequo animo sua discit vitia, ideo reprehensionis acerbitatem laude mitigabimus." (474) Harry M. Hine beschreibt in seinem Vorwort (praefatio) vom September des Jahres 1994 nach den Familien (familia) und Zweigen (stirpes) von Kodexen (codices) die Reihenfolge der Bücher (ordo librorum) und der Editionen (editiones), unter denen er Erasmus von Rotterdam als den ersten kritischen Herausgeber (editor criticus) der Naturalium quaestionum libri von Lucius Aeneaus Seneca erwähnt. (475) Das Symbol der zwei sich um den von einer Hand gehaltenen Stab mit einem Vogel schlingenden Schlangen findet sich als Schlußvignette in der Ausgabe des Neuen Testaments, Novum Instrumentum, die im Jahre 1516 von Erasmus veröffentlicht wird. Diese Graphik zeigt den Abschluß zu den Bemerkungen über sein Verfahren der Edition (ratio editionis) und die Orthographie (res orthographica) an.
Vgl. zur Kritik im Barockzeitalter auch den Abschnitt ´Vom Kreisslaufmodell zur vanitas-Emblematik´. In: Kühlmann, Wilhelm: Gelehrtenrepublik und Fürstenstaat. Entwicklung und Kritik des deutschen Späthumanismus in der Literatur des Ba-rockzeitalters. Tübingen 1982. S. 118-135. Vgl. zur allegorischen Schreibform im Mahn- und Sendschreiben, die Untergat-tungen des heroischen Briefes sind: Dörrie, Heinrich: Der heroische Brief. Be-standsaufnahme, Geschichte, Kritik einer humanistisch-barocken Literaturgattung. Berlin 1968. S. 42-44.
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