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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik 2.2 Begriffe der Kritik in der Praxis der Schreibkultur2.2.1 Das Urteil (iudicium) in Briefen der AntikeBereits in der Antike gibt es unter den Autographen Briefe von Verfassern und andere Dokumente in verschiedenen Medien wie Papyri, Handschriften, Buchrolle und Kodex. Die literarischen Briefe sind in der Antike eine Form von Literatur zum Ausdruck von Motiven der Parteilichkeit von Kritik. Einer der uns erhaltenen literarischen Briefe in der altägyptischen Literatur ist der Briefwechsel zwischen den Göttern Thot und Osiris, der nach dem Wettstreit zwischen Horus und Seth vor dem Gericht der Götter geschrieben wird. Der Originaltext, in dem der Schreiber nach dem erfolgreichen Abschluß seiner Arbeit die Stadt Theben als Ort der Wahrheit bezeichnet, wurde nach dem Original, dem Papyrus Chester Beatty ediert. (437) Unter den Platon zugeschriebenen Briefen behandelt der erste Brief an den Dionysos die Darstellung des Tyrannen bei den Tragödiendichtern in der Übersetzung von Otto Apelt mit den Worten: "Ein Bild des Jammers, freudlos´, sink´ ich nun ins Grab." (438) Bei den Briefen von Platon ist davon auszugehen, daß sie nicht aus Platons Hand stammen. (439) Die Briefe, die neben ihm Sokrates, Antisthenes, Aristipp, Simon, Xenophon, Aeschines, Phaedrus, Sokrates und Antisthenes zugeschrieben werden, übersetzt Leo Allatius in das Lateinische in Paris im Jahre 1637 in einem Werk, das mit einem Dialog über die Schriften von Sokrates gedruckt wird. Der Begriff Kritik ist in Briefen von Autoren der römischen Republik in der Antike bekannt. In seinen Briefen an Cäsar über den Staat, die mit dem Titel Epistulae ad Caesarem senem de re publica publiziert werden, beschreibt Sallust das Talent (ingenium) des Urteilens (iudicare), das nur wenige besitzen, als einen Gegensatz zum Geist (animus) von allen, der danach brennt (ardere), fremde Taten und Reden zu tadeln (reprehendere). Das überlegende Herz (pectus) schafft den geöffneten Mund (apertum os) und die sichtbare Sprache (lingua prompta) für den Staat (res publica): "Quae rei publicae necessaria tibique gloriosa ratus sum, quam paucissimis absolvi. Non peius videtur pauca nunc de facto meo disserere. Plerique mortales ad iudicandum satis ingenii habent aut simulant: verum enim ad reprehendum aliena facta aut dicta ardet omnibus animus, vix satis apertum os aut lingua prompta videtur, quae meditata pectore evolvat." (440) Sallust schreibt in einem anderen seiner Brief dem Caesar, daß die mit schlechten Sitten vollgesogene Menge (multitudo [...] malis moribus inbuta) ihm nicht geeignet scheint, die öffentliche Sache zu verwalten (ad capessendam rem publicam). (441) Ciceros Autorität für Autoren von Briefen in der Neuzeit dokumentieren die Anmerkungen seiner Korrespondenz. Cicero selbst erwähnt den Begriff criticus für den Kritiker in den Epistolae ad familiares. (442) In seinem Brief an Atticus wird das Argument (argumentum) der Briefe (epistolarum) beim Schreiben und Lesen erwähnt: "Cicero Attico sal. Ego etsi diu requiesco, quam diu aut ad te scribo aut tuas litteras lego, tamen et ipse ego argumento epistularum et tibi idem accidere certo scio." (443) Cicero läßt nach der Nennung des Aristarchus sich die Bezeichnung antiker Kritiker (criticus antiquus) im Brief an Dolabella zukommen: "Scr. Romae in. an. 45 M. Cicero S. D. P. Dolabellae. Non sum ausus Salvio nostro nihil ad te litterarum dare; nec mehercule habebam quid scriberem nisi te a me mirabiliter amari, de quo etiam nihil scribente me te mirabiliter amari, de quo etiam nihil scribente me te non dubitare certo scio. Omnino mihi magis litterae sunt exspectandae a te quam a me tibi; nihil enim Romae geritur quod te putem scire curare, nisi forte scire vis me inter Niciam nostrum et Vidium iudicem esse. Profert alter, opinor, duobus versiculis expensum Niciae, alter Aristarchus hos οβελíζει; ego tamquam criticus antiquus iudicaturus sum utrum sint του ποιητου παρεμβεβλημενοι." (444) In einem Anschreiben an Trebatius, dem Cicero aus Regium im Juli des Jahres 44 seine Topica beilegt, stellt er die Frage, ob das Bürgerrecht (ius civile) in den Büchern erkannt werden kann: "Num ius civile vestrum ex libris cognosci potest?" (445) In der Topica nennt Cicero den Zustand der Vermutung (status coniecturalis), den Zustand des Rechts (status iuris) und den Zustand des Namens (status nominis) einer Angelegenheit. (446) In Monologen und Dialogen über die Beredsamkeit (eloquentia und oratoria) befindet sich in Ciceros Werken der Begriff Richter (iudex). Cicero spricht in seiner Verteidigungsrede Pro A. Licinio Archia poeta oratio an die Richter (iudices) über die Bedeutung der Ausübung des Redens (exercitatio dicendi) für das Recht (ius): "Si quid est in me ingenii, iudices, quod sentio quam sit exiguum, aut si qua exercitatio dicendi, in qua me non infitior mediocriter esse versatum, aut si huiusce rei ratio aliqua ab optimarum artium studiis ac disciplina profecta, a qua ego nullum confiteor aetatis meae tempus abhorruisse, earum rerum omnium vel in primis hic A. Licinius fructum a me repetere prope suo iure debet." (447) Der Patriarch Photios erwähnt in seinen epistolai aus Konstantinopel die beiden Begriffe κρινειν und κριτικος. (448) In der Neuzeit wird die Kunst des Schreibens von Briefen nach der Kunst der Briefstellerei (ars dictaminis) des Mittelalters in Briefstellern und Anweisungen für das Briefschreiben gelehrt. So werden in Hoffmann von Hoffmannswaldaus Commentatio epistolica über den Ablauf der Unterrichtung von Studien Jugendlicher (de instituendo Juvenilium studiorum cursu) die Aufgaben von wissenschaftlichen Lehren wie der Rhetorik behandelt. Hoffmannswaldau rät beim Beurteilen (iudicare) zur Umsicht und Nutzen: "Obvia quaeque circumspice, & nihil aggredere, quod olim non profuturum tibi judicaveris." (449) Johannis Amos Comenius schreibt in seinem Brief an Petrus Montanus vom 10. Dezember des Jahres 1661 über das Hören (audire) und Beurteilen (iudicare): "De quo dum adhuc dicendi aliquid copia datur, dicam. Audiat, qui potest, et judicet qui audiat." (450) Neben den kritischen Briefen sind die für den Leser gedruckten Sendungen von Freunden (missilia amicorum) und an den Leser gerichtete Epigramme des Verfassers über die Zensur (censura) auch in Georg Philipp Harsdörffers Schrift Philologia Germaniae zu finden. Johann August Ernesti beschreibt in seiner Schrift Initia rhetorica die besondere Erfindung (inventio specialis) von Briefen (epistolae), unter denen er die Gattung der Gelehrtenbriefe (genus epistularum inter doctos) seit Platon nennt. (451) Vgl. auch zu den Platon zugeschriebenen Briefen: Speyer, Wolfgang: Italienische Humanisten als
Kritiker der Echtheit antiker und christlicher Literatur. Stuttgart 1993 (Abhandlungen der geistes-
und sozialwissenschaftlichen Klasse. Akademie der Wissenschaften und der Literatur). Jg. 1993. Nr.
3. S. 19-20.
Vgl. zu den Briefen Cicero an Atticus: Peter, Hermann: Der Brief in der römischen Litteratur.
Litteraturgeschichtliche Untersuchungen und Zusammenfassungen. Leipzig 1901. S. 216.
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