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Dr. Rainer Hering: "Sprache und Kultur des Judentums" im Nationalsozialismus. Das Fach Judaistik ist an deutschen Universitäten lange Zeit nur sehr gering repräsentiert gewesen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es dafür einzelne Wissenschaftler - zumeist als Privatdozenten oder Honorarprofessoren -, die sich aber vielfach stärker mit verwandten Arbeitsfeldern, z.B. den orientalischen Sprachen, beschäftigten. Hier sind beispielsweise Julius Fürst (1805-1873) und Israel Issar Kahan (1858-1924) in Leipzig sowie Heinrich Graetz (1817-1891) in Breslau zu nennen. Von 1872 bis 1942 bestand in Berlin die Hochschule bzw. Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Sie wurde gegründet, weil es nicht möglich war, einen eigenen Lehrstuhl an Universitäten für diese Disziplin einzurichten. Der evangelische Theologe Martin Rade (1857-1940) regte in Zusammenhang mit der Planung der Universität Frankfurt am Main 1912/13 an, neben je einer evangelischen und katholischen Fakultät auch eine jüdische einzurichten. Diese Idee blieb allerdings Fiktion, doch von 1924 bis zu seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten 1933 lehrte dort Martin Buber (1878-1965) jüdische Religionswissenschaft und jüdische Ethik, ab 1930 als Honorarprofessor. Auch einige protestantische und katholische Hochschullehrer bemühten sich um eine Institutionalisierung der Judaistik an deutschen Universitäten, darunter Julius Wellhausen (1844-1918), Rudolf Kittel (1853-1929), Carl Heinrich Cornill (1854-1920), Max Löhr (1864-1931) und Theodor Nöldeke (1836-1930). 1925 arrangierte Hugo Greßmann (1877-1927) am Institutum Judaicum in Berlin - dieses Institut diente neben dem in Leipzig dem Studium der hebräischen Sprache und jüdischer Literatur zur Förderung der Judenmission - Gastvorlesungen von jüdischen Gelehrten, wie Ismar Ellbogen (1874-1943) und Leo Baeck (1873-1956).(1) Gerade weil diese Wissenschaft nur punktuell, ohne Lehrstühle und vor allem durch die Initiative einzelner im Deutschen Reich vertreten worden ist, ist es wichtig für das Selbstverständnis der Disziplin, sich jedes Lehrers zu vergegenwärtigen. Bislang kaum Beachtung fand in diesem Zusammenhang die 1919 gegründete Hamburgische Universität. Trotz des breiten Fächerkanons der Philosophischen Fakultät ist es auch hier nicht zu einer Etablierung des Faches Judaistik in Form eines Lehrstuhls oder einer außerordentlichen Professur vor 1945 gekommen. Dennoch ist in der Zeit der Weimarer Republik und noch während des "Dritten Reiches" diese Disziplin durch Lehrveranstaltungen vertreten gewesen, die von Salomo Birnbaum (1891-1989, Jiddistik) sowie den Professoren Rudolf Strothmann (1877-1960, Sprache und Kultur des Vorderen Orients) und Arthur Schaade (1889-1952, Semetistik) und vor allem von dem Pastor und (ab 1929) Honorarprofessor D. Walter Windfuhr gehalten worden sind. (2) Am 6. Mai 1878 wurde Walter Windfuhr als Sohn eines Kaufmanns, der später bei der Feuerkasse tätig war, und Nachkomme der Maler Johann Friedrich und Johann Christian Friedrich Windfuhr in Hamburg geboren.(3) In seiner Jugend segelte er als Schiffsjunge auf einer Drei-Mast-Bark zweimal um Kap Hoorn nach Chile (4), bevor er 1899 am Matthias-Claudius-Gymnasium im preußischen Wandsbek das Abitur machte. Im Winter desselben Jahres begann er an der Universität Straßburg mit dem Studium der Theologie und der semitischen Sprachen, als Orientalist war er Schüler von Theodor Nöldeke. Im September 1903 legte er in Hamburg das Erste Theologische Examen ab, dem eineinhalb Jahre später das Zweite folgte. Als Kandidat war Windfuhr, der im Oktober 1906(5) zum Pastor ordiniert und im darauffolgenden Jahr an die Katharinenkirche berufen wurde, bei Clemens Schulz (1862-1914) auf St. Pauli in der Jugendarbeit tätig. 1914 unternahm er mit Unterstützung der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung(6) eine größere Orientforschungsreise, auf der er mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges im August in französische Gefangenschaft geriet, die bis zum Oktober 1918 andauerte.
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