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Dr. Rainer Hering: Vom Umgang mit theologischen Außenseitern im 20. Jahrhundert. Im Mittelpunkt dieser Ausführungen stehen nicht exponierte, wissenschaftlich anerkannte Vertreter der Theologie. Vielmehr sollen aus der Sicht des Historikers gerade nicht anerkannte und weitgehend unbekannte Theologen - Außenseiter dieser Disziplin also - vorgestellt werden.(1) Unter "theologischen Außenseitern" werden hier Personen verstanden, die mit ihrer theologischen Position in Konflikt mit der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate gerieten, d.h. deren theologische Auffassungen von der kirchlichleitenden Elite nachdrücklich mißbilligt wurden und die in diesem Zusammenhang aus dem aktiven kirchlichen Dienst ausschieden. Ausgehend von dieser knappen Definition ist festzustellen, daß es mehrere theologische Außenseiter in diesem Jahrhundert gegeben hat, die ihr Anliegen publik gemacht haben. Erinnert sei nur an Pastoren wie Franz Hennecke, Wilhelm Heydorn sowie - aus den letzen Jahren - Paul Schulz oder Wolfram Kopfermann. Zu prüfen wäre, ob es einen Zusammenhang zwischen der relativ großen Zahl von "Dissidenten" und der insgesamt recht starken Position der Orthodoxen in der Hamburger Kirche gibt. Doch was insgesamt für die Erforschung der Hamburger Kirchengeschichte im 20. Jahrhundert gilt, trifft für die Behandlung von diesen theologischen Außenseitern noch weitaus mehr zu - Untersuchungen und Darstellungen fehlen nahezu völlig. Im folgenden werden daher zwei weitgehend kaum bekannte Außenseiter vorgestellt. Dabei soll nicht die inhaltliche Auseinandersetzung, also ihre theologische Position im Vordergrund stehen, sondern die Art und Weise, in der mit ihnen, insbesondere von Seiten der Hamburger Landeskirche, umgegangen worden ist. Wie reagiert eine Kirche, die bestimmte Lehrnormen vertritt, auf kritische Anfragen aus den eigenen Reihen? Ablehnung und Kritik von außen gehören schon fast zum "täglichen Brot" kirchlich-theologischer Arbeit. Was aber, wenn ordinierten Geistlichen selbst Zweifel an bestimmten Lehraussagen oder liturgischen Handlungen kommen und diese Zweifel auch nach außen hin deutlich gemacht werden? Wieweit ist eine gesellschaftlich so einflußreiche Institution in der Lage, sich selbst in einzelnen Punkten in Frage stellen zu lassen? Damit ist auch nach der Reformfähigkeit, nach den Veränderungsmöglichkeiten innerhalb einer lutherischen Landeskirche gefragt. Wie geht eine Organisation, die nach außen hin recht geschlossen in Erscheinung tritt, mit grundsätzlicher Kritik um? Diese Fragen sollen anhand von zwei Beispielen aus der Hamburger Landeskirche angesprochen werden. Beide Theologen haben an der Hamburger Universität gelehrt und sind durch wissenschaftliche Arbeiten überregional hervorgetreten. Damit sind sie Teil nicht nur der Hamburger Theologie- sondern gerade auch der Hamburger Wissenschaftsgeschichte. Beide haben sich aufgrund von theologischen Differenzen - ohne ein Disziplinarverfahren und damit ohne größeres öffentliches Aufsehen - in den Ruhestand versetzen lassen. Beide sind in der Hamburger Kirche in Vergessenheit geraten bzw. um es deutlicher zu formulieren: aus dem historischen Bewußtsein verdrängt worden. In der einzigen neueren Überblicksdarstellung zur Hamburger Kirchengeschichte der Neuzeit, die von dem damaligen Oberkirchenrat Georg Daur unter dem Titel "Von Predigern und Bürgern" 1970 veröffentlicht worden ist, fehlen ihre Namen, obwohl der Verfasser beide kannte und über die Hintergründe ihres Ausscheidens orientiert war.(2) Hier nun sollen der Pastor und spätere Philosophieprofessor Kurt Leese und der Hauptpastor von St.Nikolai, Paul Schütz, vorgestellt werden. Kurt Leese machte im April 1932 als erster Pastor von der Möglichkeit Gebrauch, sich gemäß der Verfassung der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate von 1923 in den Ruhestand versetzen zu lassen. Dies konnte, und darauf berief sich mit Leese erstmalig ein Pastor, u.a. erfolgen, "wenn sich der Geistliche aus Gewissensgründen nicht mehr imstande sieht, die mit dem Amtsgelübde übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen".(3) Auch Paul Schütz berief sich zwanzig Jahre später auf diesen Passus. Bemerkenswert ist dabei, daß ein Hauptpastor - ein Vertreter der kirchenleitenden Elite - sich nicht mehr in Übereinstimmung mit dem Bekenntnis seiner Landeskirche befand. Doch dieses außergewöhnliche, für die Hamburger Kirchengeschichte gewichtige Ereignis ist kein Thema für ihre Geschichtsschreibung. Der Name von Paul Schütz fehlt selbst in der jüngst erschienenen Geschichte der Nikolai-Kirche des ehemaligen Landesbischofs Hans-Otto Wölber.(4) So erscheint denn auch die These nicht abwegig, daß in der Hamburger Landeskirche die Tendenz bestand, Außenseiter auszugrenzen und ihre Anfragen, ihre in einem Prozeß wissenschaftlicher Reflexion veränderten Positionen zu verdrängen. Ein kirchenöffentlicher Dialog, eine inhaltliche Auseinandersetzung mit ihren abweichenden Ansichten, ist nicht geführt worden. Wenngleich ihre Resonanz insgesamt relativ gering blieb, so fanden sie doch in wissenschaftlichen Publikationen ein gewisses fachöffentliches Forum. Für Kurt Leese bot darüber hinaus die Hamburger Universität eine institutionelle Einbindung, die ihm seine Forschungen ermöglichte und in der er seine Position darstellen konnte. Die folgenden Ausführungen sind in drei Teile gegliedert. Zuerst wird ein knapper Überblick über die institutionellen Rahmenbedingungen der Theologie als Wissenschaft in Hamburg gegeben, daran anschließend werden Kurt Leese und Paul Schütz als markante Außenseiter exemplarisch vorgestellt.
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