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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Die manipulierte Schöpfung


Es ist das Schicksal des Menschen, daß er in dieser Welt nur überleben kann, indem er sie gestaltet, indem er sie verändert, indem er sie manipuliert. Gegen die Unsicherheiten und Risiken der ihn umgebenden Natur konstruiert der Mensch sich seine Welt, sein Haus, den oikos.

Das begann mit dem Feuer, das ihm Schutz gegen Kälte bot und neue Nahrung erschloß. Ein großer Fortschritt war der gebrannte Ziegel, der es dem Menschen erlaubte, sich überall Schutz gegen die Unbill der Witterungen zu bauen. Das Rad gab ihm die Möglichkeit sich über größere Entfernungen in kurzer Zeit fortzubewegen und auch größere Lasten zu bewegen. Usw. Gegen immer mehr und auch neu sich stellende Widerstände und Gefährdungen wußte sich der Mensch mit Hilfe von technischen Mitteln zu wehren, die ihn umgebende Welt so zu verändern, daß sie ihm gemäß wurde. So konnte und kann der Mensch in dieser Welt gar nicht anders überleben, als daß er sie verändert, gestaltet, manipuliert. Dabei hat er sich auch selbst verändert, etwa indem er vom Jäger sich zum Bauern und schließlich zum Städter wandelte.

Die Medizin half ihm schließlich dabei, Gefährdungen seiner Gesundheit und damit einen frühen Tod abzuwehren. Wie schon bei den Unsicherheiten und Gefährdungen durch die umgebende Natur hat auch in der Medizin die Technik dem Menschen immer mehr geholfen, sich zu schützen, die Natur zu beherrschen und Mängel auszugleichen durch künstliche Systeme.

So verband sich mit der Technik zunehmend die Hoffnung und das Streben, eines Tages eine perfekte Welt schaffen zu können, in der der Mensch in größter Sicherheit und Bequemlichkeit leben kann. Spätestens seit dem 17.Jahrhundert verhieß die Technik ein neues Paradies zu errichten. Seitdem sind wir ein gutes Stück in diese Richtung fortgeschritten: Denken Sie nur an die Erleichterungen im Haushalt. Früher war ein Waschtag wirklich ein Tag; heute wird das nebenher gemacht. Denken Sie an Ihr Büro. Was war das für ein Aufwand, die Buchhaltung zu führen und dann zu unterschiedlichen Zwecken Statistiken herauszuziehen. Heute kann das gleichsam nebenher gemacht werden. Und denken Sie an die Medizin. Früher waren chirurgische Eingriffe mit großen Schmerzen und hohem Risiko verbunden. Heute erlauben Narkose und chirurgische Geräte nahezu schmerzfreie und präzise Operationen an fast allen Teilen des menschlichen Körpers.

Besonders in den letzten 30 Jahren hat die Entwicklung der Technik die Verheißung eines neuen Paradieses enorm verstärkt. Dies geschah insbesondere durch die drei Schlüsseltechnologien: Atomtechnik, Molekularbiologie und Informationstechnik.

So hat 1957 der amerikanische Präsident Eisenhower das Programm "Atoms for Peace", "Atomenergie für den Frieden" entwickelt und damit eine Vision von einer neuen Welt entworfen, die gekennzeichnet ist durch Worte aus dem Jesajabuch (2,4), wo davon die Rede ist, daß die Schwerter zu Pflugscharen werden, es keine Tränen und keine Armut mehr geben wird. 1962 haben dann die Molekularbiologen beim "Ciba-Symposium" in London eine noch stärkere Vision aus der Sicht der Molekularbiologen entwickelt. Nämlich, daß es eine Welt geben wird, in der nicht nur kein Leid, keine Krankheit mehr sein wird, sondern auch kein Altern. Der Mensch wird gleichsam ewig leben. Und dann die Informationstechnologie, deren fünfte Generation in Japan entwickelt wird, und von der man große Dinge erwartet. Für die Ärzte etwa gibt es in den USA schon Expertensysteme, die den Arzt zwar nicht vollständig ersetzen, aber die in einigen Fällen Diagnose und Therapie erstellen.

Insbesondere die Technik bezogen auf den Anfang und das Ende des Lebens hat eine ungeheure Verheißung gewonnen in unseren Tagen. Bisher, bis in die Mitte mindestens unseres Jahrhunderts hinein, waren dem Menschen weithin Ende und Anfang des Lebens entzogen. Die Technisierung der Medizin scheint dieses Schicksal wenden zu können. Medizinische Technik als Schicksalswende. Das ist die große Hoffnung, das ist die große Erwartung.

Bezogen auf den Tod gilt diese Hoffnung der Intensivmedizin und der künstlichen Lebensverlängerung. Auch wenn sich erste Zweifel und Probleme inzwischen eingestellt haben, ist die Hoffnung doch ungebrochen. Das ganze wird verstärkt durch die Gentechnik, die etwa die Hoffnung weckt, daß man genetisch bedingte Krankheiten beseitigen kann, ja das man den Alterungsprozeß, mindestens sofern er genetisch bedingt ist, ausschalten kann.

Oder daß man, wie der Vorsitzende der Internationalen Vereinigung der Fortpflanzungsmediziner, Edwards, es als Vision entwickelt hat, einen Klon haben kann, ein genetisch völlig identisches Wesen, aus dem man dann, gleichsam wie aus einem Ersatzteillager, verschlissene Organe ersetzen kann.

Bezogen auf die Geburt gilt die Hoffnung der künstlichen Befruchtung. Schon seit langem hat man in bestimmten Fällen eine Frau, die auf natürlichem Wege nicht empfangen kann, künstlich befruchtet. Aber erst seit vierzehn Jahren geschieht diese künstliche Befruchtung auch außerhalb des Mutterleibes und das dann befruchtete Ei wird in den Mutterleib zurückverpflanzt. So ist das erste im Labor gezeugte Menschenkind, Louise Brown, 1978 ans Licht der Welt gekommen. Es war das zweite Mal, denn zunächst waren in der Helligkeit des Labors Ei und Samenzelle miteinander vereint worden. Dann wurde das befruchtete Ei in das Dunkel des mütterlichen Leibes zurückverpflanzt, damit es bis zur Geburt heranreifte. Inzwischen sind diese Verfahren der künstlichen Befruchtung außerhalb des weiblichen Körpers und die Einpflanzung des so befruchteten Eies in den Mutterleib, wir nennen das Embryotransfer, in vielen Ländern mit Erfolg, wenn auch mit geringem Erfolg, durchgeführt worden. Unfruchtbaren Paaren soll damit geholfen werden, daß ihr Kinderwunsch erfüllt werden kann.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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