![]() |
|
|
Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik 7 SchlußbetrachtungZusammenfassend soll hier noch einmal die einleitend aufgeworfene Frage nach grundsätzlichen Positionen und Elementen des KC aufgegriffen werden. Der Kartell-Convent läßt sich als der bedeutendste Verband jüdischer Studentenverbindungen neben den zionistischen Verbänden bezeichnen.(283) Dies wird auch deutlich aus der zahlenmäßigen Größe, die der Verband schnell erreichte: Asch spricht in diesem Zusammenhang beispielsweise von insgesamt 1325 aktiven Mitgliedern für den Zeitraum von 1914 bis 1918 (284), und in einer Statistik der KC-Blätter von 1917 werden insgesamt neun Verbindungen in den Städten Breslau, Heidelberg, Berlin, München, Freiburg, Bonn, Darmstadt, Königsberg und Leipzig sowie zehn Altherrenverbände und Stammtische aufgezählt.(285) In Bezug auf den engen Zusammenhang zwischen KC und CV läßt sich sagen, daß in gleicher Weise, wie der CV als repräsentative Vertretung der bürgerlich-liberalen Mehrheit der deutschen Juden angesehen werden konnte, der KC als Vertretung der jüdischen, bürgerlich-liberalen Akademikerschaft in Deutschland verstanden werden konnte. Die Positionen und Stellungnahmen des KC können somit als Aussagen für den gewichtigsten Teil der jüdischen Akademikerschaft im Deutschen Reich neben den zionistisch geprägten Akademikern herangezogen werden. Ein ganz wesentliches Element des KC wurde die Neutralität gegenüber allen politischen und religiösen Strömungen innerhalb des deutschen Judentums(286), die in Zusammenhang standen mit dem Anspruch des Verbandes, das gesamte deutsche Judentum zu vertreten. Die Gründung des Verbandes erfolgte dabei nicht als eine freiwillige und gewollte Absonderung von den christlichen Studentenverbänden, sondern unter dem Druck der zunehmenden antisemitischen Anfeindungen und Ausgrenzungen. Im wesentlichen verstand man sich, wie Schindler schreibt, "als studentische Vereinigung von Mitgliedern der "jüdischen Schicksalsgemeinschaft" zur Abwehr des Antisemitismus."(287) In diesem Punkt ist meines Erachtens auch einer der größten Konfliktpunkte und inneren Widersprüche des KC zu sehen: Der Verband hatte das erklärte Ziel, die Integration der jüdischen Studenten in die deutsche Studentenschaft voranzutreiben und dem Antisemitismus entgegenzuwirken. Durch seine konfessionelle Beschränkung stellte er aber gleichzeitig eine studentische Minderheitenorganisation dar, die sich zwangsläufig von der Masse der "klassischen" Studentenorganisationen abhob. Im Hinblick auf die Abwehrarbeit des KC galt als wichtigster Grundsatz die Stärkung des Selbstbewußtseins der jüdischen Studenten und die Erziehung zu selbstbewußten Juden, die bereit waren, für ihre Ehre einzutreten.(288) Ebenso wie der Centralverein läßt sich der KC wie häufig angeführt als Vertretung der liberalen jüdischen Mehrheit in Deutschland bezeichnen. Beide Verbände stimmten hier insbesondere in ihrem Gesamtvertretungsanspruch des deutschen Judentums und in ihrer Abwehrstrategie gegenüber dem Antisemitismus überein. Wie Schindler schreibt, läßt sich die auch in dieser Arbeit erörterte Rolle von Ludwig Holländer(289) in beiden Verbänden als exemplarisch für den inneren Zusammenhang zwischen KC und CV und für den Führungsanspruch des KC innerhalb des deutschen Judentums anführen. (290)
|
||||
|