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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik 4.2.4 Die zionistische BewegungDie zweite große innerjüdische Bewegung neben der liberalen und stark akkulturierten Mehrheit war die zionistische Bewegung. Der Grundgedanke dieser Bewegung negierte die optimistische Auffassung der liberalen Mehrheit von der jüdischen Integration in die deutsche Gesellschaft und entwarf statt dessen das Konzept einer eigenen jüdischen Nation und einer Kolonisation in Palästina. Die Anfänge dieser Bewegung, die Lowenstein als Proto-Zionismus bezeichnet und die unter dem Namen Chibat Zion (Zionsliebe) in den 1880er Jahren gegründet wurde, verliefen im wesentlichen unkoordiniert und ohne einen Zusammenschluß der einzelnen Gruppen. (132) Zwei bedeutende Vordenker dieser frühzionistischen Bewegung waren schon in den 1860er Jahren Zwi Hirsch Kalischer und Moses Hess. Hirsch Kalischer war ein orthodoxer Rabbiner aus Thorn, einer Stadt im heutigen Polen, dessen Nationaljudentum deutlich traditionell-religiös geprägt war, während Hess in einer sozialistischen Tradition stand.(133) Die zentrale Figur, die die zionistischen Gedanken nun zu einer einheitlichen politischen Bewegung werden ließ, war Theodor Herzl, der 1896 sein Buch Der "Judenstaat" veröffentlichte. In diesem Buch entwickelte Herzl seine zionistisch geprägte Lösung der bestehenden "Judenfrage" und schuf somit die theoretische Grundlage für eine einheitliche zionistische Bewegung. Bereits ein Jahr nach Erscheinen von Herzls Buch fand im August 1897 in Basel der erste Zionistenkongreß statt. Hier fand sich sehr schnell eine Anhängerschaft für die Idee eines jüdischen Nationalstaates in Palästina. Gleichzeitig formierte sich aber auch erster Widerstand gegen diese Idee einer jüdischen Nation. Insbesondere der CV und der Allgemeine Rabbinerverband als Vertretung der liberalen und orthodoxen Rabbiner Deutschlands protestierten gegen diese Bewegung.(134) Am 31. August 1897 wurde dann in Frankfurt am Main die Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZVfD) gegründet. Schon der Zeitpunkt macht den direkten Zusammenhang mit dem kurz zuvor abgehaltenen Kongreß in Basel deutlich. Als inhaltliche Hauptfaktoren der von Herzl begründeten zionistischen Bewegung lassen sich folgende Punkte festhalten: Die Emanzipation der Juden wurde als notwendige und für die Entwicklung des Judentums vorteilhafte Entwicklung bewertet, gleichzeitig aber wurde negiert, daß die rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Integration der Juden jemals die bestehende "Judenfrage" würden beantworten können. Die vollständige Assimilation der Juden wurde so auch als eine Gefahr für die eigene jüdische Identität und Kultur abgelehnt. Insgesamt bekam der Begriff der eigenen, jüdischen Nationalität im Zionismus ein sehr großes Gewicht und wurde zum Hauptargument für die Forderung nach Eigenstaatlichkeit. Reinharz faßt die Grundgedanken der zionistischen Bewegung wie folgt zusammen: "Seen as a problem of historical dialectics, one might say somewhat simplistically that for the German Zionists emancipation was the thesis, assimilation and anti-Semitism the antithesis, and Zionism the synthesis." (135) In der Entwicklung der zionistischen Bewegung unterscheiden sowohl Lowenstein als auch Reinharz zwei Generationen mit unterschiedlichen Tendenzen. Die erste Generation bis etwa 1912 verfolgte einen gemäßigten Kurs. Ähnlich dem CV versuchte man Deutschtum und Judentum miteinander in Einklang zu bringen und wehrte sich gegen Diskriminierungen und auch totale Assimilation. Reinharz beschreibt das Verhältnis zwischen CV und ZVfD als "peaceful and even friendly relations" (136) Ab etwa 1912 folgte dann eine zweite Generation, die unter der Führung von Richard Lichtheim und Kurt Blumenfeld einen sehr viel radikaleren Kurs fuhr. Bereits 1912 wurde eine Resolution verfaßt, in der jedes Mitglied der ZVfD dazu verpflichtet wurde, die Übersiedlung nach Palästina zum persönlichen Ziel zu erklären.(137) Diese Wendung der ZVfD verstärkte den Widerstand der Liberalen, des CV und der orthodoxen Juden gegen die zionistische Bewegung. Lowenstein spricht von einem tiefen Bruch" (138) zwischen Zionisten und liberaler Mehrheit der Juden. Trotzdem sieht er zwei Gemeinsamkeiten, die dem CV und der ZVfD erhalten blieben: Dies war zum einen die gemeinsame jüdische Identität, die gegen Diskriminierungen geschützt werden muß, und zum anderen die Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft, die, wie Lowenstein schreibt, auch von radikalen Zionisten nicht verneint wurde. (139) Die Ablehnung der zionistischen Bewegung durch den CV, die nach der beschriebenen Radikalisierung der ZVfD in die Gründung eines Antizionistischen Komitees innerhalb des CV mündete, beschreibt Reinharz abschließend wie folgt: "For the first time since the beginnings of the emancipation, members of liberal Jewish organizations felt seriously threatened not only by German chauvinism but also by radical Jewish nationalism"(140) Die Frage nach dem Verhältnis zwischen der liberalen jüdischen Mehrheit und dem radikaleren Zionismus wird noch einmal im Zusammenhang mit dem Kartell-Convent in Abschnitt VI.5 aufgegriffen werden.
Werner E. Mosse (Hrsg.): Juden im Wilhelminischen Deutschland 1890-1914, Tübingen 1976, Seite 633-688
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